Drohne bei der Lawinensuche: Technik, Grenzen und Regeln

Drohne bei der Lawinensuche: Rega und Bergwacht fliegen mit Wärmebild und Handyortung, LVS-Drohnen sind in Erprobung. Warum die ersten Minuten zählen.

Recht & Wissen Veröffentlicht am 8 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Drohne bei der Lawinensuche: Bergretter nutzen Drohnen für Lageerkundung, Wärmebild und Handyortung. Drohnen, die das LVS-Signal selbst orten, sind noch in der Erprobung.
  • Wärmebild: zeigt nur die Oberfläche. Schnee hält die Körperwärme zurück, ein Ganzverschütteter bleibt unsichtbar.
  • Zeit: Bis 10 Minuten Verschüttung überlebten in der Schweiz 93,6 Prozent, ab 36 Minuten noch 16,3 Prozent. Die ersten Minuten gehören den Begleitern mit LVS, Sonde und Schaufel.
  • Eigene Drohne: Eine Kameradrohne empfängt kein LVS-Signal. Bei einer Suche bleibt sie ausgeschaltet, mindestens 50 cm vom suchenden LVS entfernt.
  • Regeln: Zu Einsatzorten gilt in Deutschland 100 m Abstand, Rettungshubschrauber haben immer Vorrang.

Kann eine Drohne Lawinenverschüttete finden?

Mit dem richtigen Sensor ja, mit einer Kameradrohne aus dem Handel nicht. Ein Lawinenverschütteter ist für Augen und Kamera unsichtbar, sobald er ganz unter dem Schnee liegt. Gefunden wird er über ein Signal, das er selbst aussendet oder zurückwirft. Das sind vor allem drei Technologien:

Eine Drohne kann jede dieser Technologien als Empfänger mitnehmen. Im Einsatz ist davon bisher vor allem die Handyortung. Die LVS-Suche aus der Luft befindet sich in der Erprobung, der RECCO-Detektor fliegt am Hubschrauber. Hinzu kommen Wärmebild- und Tageslichtkameras, die den Lawinenkegel absuchen, ohne dass ein Retter ihn betreten muss.

Warum die ersten Minuten über das Überleben entscheiden

Wie viel Zeit bleibt, zeigt eine Auswertung im Canadian Medical Association Journal von 2011. Die Autoren um Pascal Haegeli verglichen 946 Ganzverschüttete aus der Schweiz und 301 aus Kanada aus den Jahren 1980 bis 2005. In der Schweiz lag die Überlebenschance in den ersten 18 Minuten über 91 Prozent. Bis zur 35. Minute fiel sie auf 34 Prozent, vor allem durch Ersticken. Zwischen 35 und 90 Minuten blieb sie annähernd gleich, danach sank sie erneut.

Säulendiagramm der lebend geborgenen Ganzverschütteten nach Verschüttungsdauer, Schweiz und Kanada 1980 bis 2005. Bis 10 Minuten 93,6 und 89,5 Prozent, 11 bis 20 Minuten 71,1 und 36,2 Prozent, 21 bis 35 Minuten 43,9 und 24,1 Prozent, ab 36 Minuten 16,3 und 4,0 Prozent. Die ersten 20 Minuten sind als Phase der Kameradenrettung markiert, die Zeit danach als Phase von Bergrettung, Hubschrauber und Drohne.

Wer in den ersten 20 Minuten gefunden wird, hat die besten Chancen. Organisierte Retter kommen meist später.

VerschüttungsdauerSchweiz überlebtKanada überlebt
bis 10 Minuten93,6 %89,5 %
11 bis 20 Minuten71,1 %36,2 %
21 bis 35 Minuten43,9 %24,1 %
ab 36 Minuten16,3 %4,0 %

Die Studie ordnet Bergungen in den ersten 20 Minuten der Kameradenrettung durch die Begleiter vor Ort zu, Bergungen nach mehr als 60 Minuten der organisierten Rettung mit Bergwacht, Hubschrauber und Hunden. Bis eine Suchdrohne über dem Kegel steht, muss sie mit den Rettern anreisen. Für die steilste Strecke der Kurve kommt sie damit in der Regel zu spät.

Der Schweizer Bergführer Stefan Bodenmann wies gegenüber SRF auf einen zweiten Punkt hin. Nach seiner Erfahrung kostet das Ausgraben die meiste Zeit, die Ortung geht schneller. Eine Drohne, die den Verschütteten in Sekunden fände, würde die Schaufelarbeit nicht verkürzen.

Welche Sensoren eine Suchdrohne trägt

SensorFindetGrenzeStand
LVS-Empfänger (457 kHz)Verschüttete mit eingeschaltetem LVSnur wer ein LVS trägtErprobung, etwa OST mit ANAVIA
RECCO-DetektorReflektoren in Kleidung und Ausrüstungnur mit Reflektorim Einsatz am Hubschrauber
Handyortung (Lifeseeker)eingeschaltete MobiltelefoneHandy muss an seinim Einsatz, etwa Rega-Drohne
Wärmebildkamerawarme Körper an der Oberflächekein Blick durch den Schneeim Einsatz zur Lageerkundung
TageslichtkameraAusrüstung, Spuren, Lawinenrändernur bei Sichtim Einsatz

Der RECCO-Detektor am Hubschrauber zeigt, wie viel Fläche aus der Luft möglich ist. RECCO stellte ihn 2015 vor. Er sucht bei rund 100 km/h einen etwa 100 m breiten Streifen aus 100 m Höhe ab und schafft so einen Quadratkilometer in rund sechs Minuten. Ein Retter zu Fuß braucht dafür ein Vielfaches.

Wärmebild über dem Lawinenkegel

Eine Wärmebildkamera misst die Temperatur der Oberfläche, die sie sieht. Schnee lässt die Wärmestrahlung eines verschütteten Körpers nicht durch, auf dem Bild bleibt nur die kalte Schneedecke. Für die eigentliche Verschüttetensuche taugt Wärmebild deshalb nicht.

Nützlich ist es trotzdem. Es zeigt Teilverschüttete, bei denen Kopf, Hand oder Rucksack herausragen, und Menschen, die sich auf dem Kegel bewegen oder dort liegen. Die Bergwacht Bayern testet im Allgäu eine Drohne, die aus sicherer Distanz prüft, ob es im Lawinenkegel Wärmesignaturen gibt. So entsteht ein Lagebild, bevor Einsatzkräfte in einen Hang aufsteigen, in dem eine Nachlawine droht. Wie Wärmebild technisch funktioniert und warum die Bilder so grob aussehen, erklärt der Ratgeber Drohne mit Wärmebildkamera.

LVS-Drohnen: was in der Erprobung steckt

Die Idee liegt nahe. Ein LVS-Gerät empfängt das Signal des Verschütteten nur im Nahbereich, und der Suchende muss erst einmal hineinkommen. Bei einem großen Lawinenkegel kostet diese Signalsuche Minuten. Eine Drohne fliegt das Suchmuster schneller und ohne Rücksicht auf Gelände und Nachlawine.

Zwei Projekte zeigen den Stand:

Fachleute sind gespalten. Ueli Mosimann vom Schweizer Alpen-Club nannte die LVS-Drohne gegenüber SRF ein Gerät mit Zukunft für die professionelle Bergrettung. Als Standard für Tourengeher sieht er sie eher nicht, weil sie ein weiteres empfindliches Gerät im Rucksack wäre. Andere befürchten, dass eine Drohne im Gepäck zu riskanteren Abfahrten verleitet.

Wo Bergretter Drohnen heute einsetzen

Die Rega in der Schweiz hat eine eigene Suchdrohne mit gut zwei Metern Rotordurchmesser. Sie sucht vorgegebene Gebiete selbstständig ab und fliegt dabei 80 bis 100 m über Grund. An Bord sind Wärmebild- und Tageslichtkamera, deren Bilder eine Software nach Menschen durchsucht, sowie der Mobilfunkdetektor Lifeseeker. Er ortet Handys laut Rega auf einige Meter genau, auch wenn im Suchgebiet kein Netz besteht. Die Rega setzt die Drohne vor allem ein, wenn schlechte Sicht den Hubschrauber am Boden hält.

Die Bergwacht Bayern fliegt seit 2025 die Lastendrohne „Carry“, rund 3 m groß, mit acht Rotoren und bis zu 40 kg Nutzlast pro Flug. Für Winter- und Lawineneinsätze testet sie im Allgäu eine Variante mit Wärmebildkamera, Rasterflügen und automatischen Suchmustern. Geflogen wird im Vier-Augen-Prinzip mit Pilot und Spotter.

In beiden Fällen ergänzt die Drohne den Hubschrauber, die Hunde und die Retter mit Sonde. Sie fliegt, wenn der Hubschrauber nicht kann, und sie schaut in Hänge, die für Menschen zu gefährlich sind.

Lawinen auslösen und vermessen

Sprengung aus der Luft

Lawinen künstlich auszulösen, gehört zum Alltag in Skigebieten und an Passstraßen. In Österreich wirft dafür bei Bedarf ein Hubschrauber Sprengstoff in Paketen von rund fünf Kilogramm ab, so beschreibt es das Bundesheer, das solche Flüge unterstützt. In Nordamerika übernehmen das inzwischen Drohnen:

Beide Systeme fliegen über gesperrtem Gelände, in dem sich niemand aufhält. Die Pistenrettung löst die Lawine aus sicherer Entfernung aus, ohne dass ein Pilot nah an den instabilen Hang muss.

Schneehöhen kartieren

Für die Lawinenwarnung zählt, wie viel Schnee wo liegt. Das österreichische Bundesforschungszentrum für Wald hat das zusammen mit den Schweizer Instituten WSL und SLF im Projekt RPAS4SNOW untersucht. In vier Testgebieten liefen im Winter 2014/2015 insgesamt 20 Messkampagnen mit 56 Drohnenflügen. Die Drohnen kartierten Schneehöhen per Photogrammetrie auf 0,1 bis 0,3 m genau, auch bei schlechter Sicht, tiefen Temperaturen und starkem Wind. Dieselbe Technik dokumentiert Lawinenabgänge, also Anrissgebiet, Bahn und Ablagerung.

Deine Drohne auf Skitour: Störquelle für das LVS

Wer mit Drohne auf Tour geht, trägt zusätzliche Elektronik am Körper. Der Deutsche Alpenverein nennt Handys, Funkgeräte, Kameras, Heizelemente und Magnete als Störquellen für LVS-Geräte. Drohne und Fernsteuerung vereinen gleich mehrere davon: Funk, Akku und Motoren mit Dauermagneten. Für alle Störquellen gelten zwei Abstände:

Modus des LVSMindestabstand zu Elektronik
Senden (während der Tour)20 cm
Suchen (im Notfall)50 cm

Die Störung nimmt mit der dritten Potenz des Abstands ab. Doppelter Abstand bedeutet ein Achtel der Störung. Auf Tour heißt das:

Beheizte Handschuhe fallen ebenfalls unter die Heizelemente, manche Modelle stören laut Messungen von Universität Innsbruck und Bergrettung Tirol erheblich. Welche Handschuhe sich zum Fliegen in der Kälte eignen, steht im Ratgeber Handschuhe für Drohnenpiloten.

Was du bei einem Lawinenabgang mit Drohne im Gepäck tust

Kommt eine Lawine ab und es fehlt jemand, gilt die Reihenfolge der Kameradenrettung. Die Drohne spielt darin keine Rolle.

  1. Überblick verschaffen und auf Nachlawinen achten.
  2. Notruf absetzen: 112 funktioniert überall in den Alpen, in Österreich zusätzlich der Alpinnotruf 140, in der Schweiz die Rega unter 1414.
  3. Alle LVS auf Suchen stellen, Handys, Funk und Drohne mindestens 50 cm entfernt oder ausgeschaltet.
  4. Suchen, sondieren, schaufeln, bis Hilfe eintrifft.

Wenn der Hubschrauber kommt, darf keine Drohne in der Luft sein. Die EU-Drohnenverordnung gibt bemannten Luftfahrzeugen immer Vorrang, und Rettungshubschrauber fliegen am Kegel tief und manövrieren eng. In Deutschland gilt zu Unfall- und Einsatzorten außerdem ein Abstand von 100 m nach § 21h Abs. 3 Nr. 11 LuftVO. Näher heran geht es nur mit Zustimmung der Einsatzleitung. In Österreich fordert die App Dronespace von Austro Control Piloten in Kontrollzonen bei einem Rettungseinsatz zur sofortigen Landung auf.

Auch ohne eigenen Unfall gilt das. Wer einen Lawineneinsatz beobachtet, lässt die Drohne am Boden, auch wenn die Bilder spektakulär wären. Was Kälte, Akku und Kondenswasser bei Winterflügen sonst ausmachen, steht im Ratgeber Drohne im Winter fliegen.

Fazit: LVS, Sonde, Schaufel und die Drohne im Rucksack

Für Bergretter wird die Drohne zu einem festen Werkzeug. Sie sucht, wenn der Hubschrauber wegen Nebel am Boden bleibt, ortet Handys und schaut in gefährliche Hänge, bevor Retter einsteigen. LVS-Drohnen und Sprengdrohnen machen gerade den Schritt aus dem Labor ins Gelände. Für deine eigene Tour ändert das wenig. Die Minuten, die über das Überleben entscheiden, gehören den Begleitern vor Ort. Pack die Drohne deshalb weit weg vom LVS, übe die Verschüttetensuche regelmäßig und lass die Drohne im Notfall ausgeschaltet.

Häufige Fragen

Kann eine Drohne Lawinenverschüttete finden?

Profi-Systeme können es zum Teil. Die Suchdrohne der Rega ortet eingeschaltete Handys auf einige Meter genau, auch ohne Mobilfunknetz, und erkennt per Wärmebild Menschen an der Oberfläche. Drohnen, die das LVS-Signal auf 457 kHz selbst orten, sind in der Erprobung, etwa ein System der Ostschweizer Fachhochschule OST mit dem Hersteller ANAVIA. Eine Kameradrohne aus dem Handel hat keinen dieser Sensoren.

Sieht eine Wärmebildkamera Menschen unter dem Schnee?

Nein. Eine Wärmebildkamera misst die Temperatur der Oberfläche, die sie sieht. Schnee lässt die Wärmestrahlung eines Verschütteten nicht durch, auf dem Bild erscheint nur die kalte Schneedecke. Wärmebild hilft bei Teilverschütteten, bei Personen auf dem Lawinenkegel und bei der Lageerkundung, bevor Retter den Kegel betreten.

Gibt es eine Lawinen-Drohne für Skitourengeher?

Zum Standard der Tourenausrüstung gehört keine. Die bekannteste Entwicklung ist die Powderbee des Hamburger Start-ups Bluebird Mountain, eine Drohne unter 500 g, die dem LVS-Signal folgt und über dem Verschütteten landet. 2019 fehlte laut SRF ein Investor für die Serienfertigung. Pflicht bleiben LVS, Sonde und Schaufel bei jeder Person der Gruppe.

Wie schnell muss ein Lawinenverschütteter gefunden werden?

So schnell wie möglich, die ersten 15 bis 20 Minuten sind entscheidend. In einer Auswertung von 946 Ganzverschütteten aus der Schweiz lag die Überlebenschance in den ersten 18 Minuten über 91 Prozent und fiel bis zur 35. Minute auf 34 Prozent. Hauptursache ist Ersticken. Darum entscheidet meist die Kameradenrettung durch die Begleiter vor Ort.

Stört eine Drohne das LVS-Gerät?

Sie kann es, denn Drohne und Fernsteuerung enthalten Funk, Akkus und Motoren mit Magneten. Der Deutsche Alpenverein nennt für alle Störquellen mindestens 20 cm Abstand zum sendenden und 50 cm zum suchenden LVS. Die Störung nimmt mit der dritten Potenz des Abstands ab, doppelter Abstand bedeutet ein Achtel der Störung. Bei einer Suche bleibt die Drohne ausgeschaltet im Rucksack.

Darf ich einen Lawineneinsatz mit meiner Drohne filmen?

In Deutschland nicht aus der Nähe. Zu Unfall- und Einsatzorten gilt nach § 21h Abs. 3 Nr. 11 LuftVO ein Abstand von 100 m, näher heran geht es nur mit Zustimmung der Einsatzleitung. Dazu kommt der Vorrang der bemannten Luftfahrt. Rettungshubschrauber fliegen am Lawinenkegel tief, jede private Drohne gefährdet sie und muss landen.

Können Drohnen Lawinen gezielt auslösen?

Ja, in Nordamerika ist das zugelassen. Transport Canada genehmigte 2025 das System SnowDart der Firma AVSS landesweit, in den USA erhielt im Juli 2026 das System MONTIS von Drone Amplified die Zulassung der FAA. Die Drohnen werfen Sprengladungen in Hänge, die vorher gesperrt sind. In den Alpen übernehmen das bisher Sprengmasten und Hubschrauber.

Das könnte dich auch interessieren